Evangelische Tagungshäuser sind bewohnbare Kirchtürme

Kunstwerk von Stephan Balkenhol - Turmskulptur eines Mannes auf einer goldenen Kugel stehend, der sich um seine eigene Achse dreht.

Ich beginne mit einem Bild, das mich nicht mehr loslässt. Ich sehe einen zwölf oder dreizehnjährigen Jungen im Seitenprofil vor einem himmelblauen Hintergrund. Es hält sich ein mit den Zeigefingern leicht geöffnetes Buch vor die Augen. Wie in ein Fernglas linst er hinein, vorsichtig und neugierig zugleich. Einer schaut an unbekannte Orte, so kommentiert Quint Buchholz sein Aquarell.

Diesen Anspruch verbinde ich mit unserer Arbeit hier in Josefstal. Die Einladung an unbekannte Orte zu schauen. Orte, die mich hinein nehmen in andere Welten. Die mit neuen Perspektiven mich zur Auseinandersetzung reizen. Wie gut ist es, dafür eigene Bildungsorte zu haben. So wie es gut ist evangelische Tagungshäuser zu haben. Orte mit Profil, wo ich gesehen und angesehen bin und an Leib und Seele genährt werde. Orte, wo ich ein Dach über dem Kopf finde und vielleicht auch über dem Herzen.

Es heißt die Sehnsucht wächst nach „staaden Zeiten“. Die Zukunftsforscher glauben hier den Trend der nächsten zwanzig Jahre auszumachen. Menschen, die ständig online sind, suchen nach Zeiten für sich selbst und nach Orten, wo sie mehr bekommen als sich selbst.

In diesem Sinne sind für mich christliche Tagungshäuser bewohnbare Kirchtürme. So wie die Kirchtürme die Skyline unserer Städte interpretieren und kontrastieren, so können evangelische Bildungshäuser für andere Erfahrungsräume stehen. Für Kraftquellen, die ich mir selbst nicht geben kann. Die ich aber brauche, wenn ich das Feuer und nicht nur die Asche hüten will.

Tagungshäuser mit eigenem Profil sind und bleiben wichtiger denn je. Sie liegen umso mehr im Trend, je mehr sie sich ihren Wurzeln verpflichtet fühlen. Einer vorurteilslosen Gastfreundschaft aus dem Geist des Evangeliums, die ohne Angst um sich selbst offene Türen bietet, Experimentierräume für ein anderes Leben.

Wer diese Art bewohnbarer Kirchtürme meint aufgeben zu müssen, muss wissen, was er tut. Er streicht Begegnungsmöglichkeiten quer durch die Generationen, er verzichtet, dass  Schüler*innen bei Tagen der Orientierung Erfahrungen machen, die sie nachhaltig prägen werden, nicht anders wie es geschieht bei Konfirmanden- und Jugendfreizeiten.

Der Ort verbindet sich mit Erlebnissen, Personen und auch Themen. Aber alles zusammen kommt, geschieht mehr als wir kurzfristig messen können. Und manchmal spürt man es richtig, wie sich Himmel und Erde berühren können.

Christliche Tagungs- und Bildungshäuser sind Brutstätten der Zukunft. Wir brauchen sie als bewohnbare Kirchtürme, die uns an unbekannte Orte schauen lassen. So einladend und kontrastreich wie das Evangelium selbst.

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Rainer Brandt ist seit 2002 Leiter des Studienzentrums für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e.V. und war davor Landesjugendpfarrer in Bayern und Stadtjugendpfarrer in München. Er hat die Weiterbildung zur spirituellen Begleitung Jugendlicher in Kooperationen mit verschiedenen Landeskirchen entwickelt.

Die Fotografie zeigt die Aluminiumfigur eines Mannes, der auf einer goldenen Kugel im Turm der katholischen Sankt-Elisabeth-Kirche in Kassel zu balancieren scheint. Geschaffen wurde die Skulptur von dem Künstler Stephan Balkenhol, der sie 2012 während der Documenta präsentierte.

Die Aufnahme wurde uns mit freundlicher Genehmigung von Herrn Wolfgang Noack zur Verfügung gestellt.