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Etwa 100 Menschen zogen an Karsamstag im Anschluss an einen Friedensgottesdienst in der niedersächsischen Ortschaft Unterlüss zum Werk des Rüstungskonzerns Rheinmetall und hielten dort eine Kundgebung ab.
Bei den diesjährigen Ostermärschen haben bundesweit mehrere Tausend Menschen für den Frieden und einen Waffenstillstand in der Ukraine demonstriert. Nach vorläufigen Angaben des Netzwerks Friedenskooperative von Samstagnachmittag bewegten sich die Teilnehmerzahlen in vielen Orten in etwa auf dem Niveau des Vorjahres oder lagen leicht darüber, wie ein Sprecher dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte. Mancherorts kamen jedoch auch weniger Friedensbewegte als an Ostern 2022.
In Hannover forderte die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, bei einer Kundgebung ein Ende der westlichen Waffenlieferungen an das von Russland überfallene Land. "Wir wollen nicht, dass die Eskalation weitergetrieben wird und noch mehr Waffen in das Kriegsgebiet geliefert werden", sagte die Theologin und frühere evangelische Landesbischöfin in der Ruine der kriegszerstörten Aegidienkirche. "Denn mit diesen Waffenlieferungen werden wir mitverantwortlich für all die Toten." An einem Demonstrationszug durch die Innenstadt unter dem Motto "Den Frieden gewinnen - nicht den Krieg" beteiligten sich nach Polizeiangaben rund 1.100 Menschen.
Auf Plakaten und Transparenten forderten die Demonstranten in Hannover eine gewaltfreie Konfliktlösung im Ukraine-Krieg und sofortige Verhandlungen. "Wenn hier nicht ein glasklares Stoppschild gesetzt wird, werden die Nato-Staaten zur Kriegspartei", sagte Käßmann unter Applaus: "Dann liefern wir Kampfbomber, Kriegsschiffe, vielleicht gar Soldaten und stehen am Rande eines dritten Weltkriegs, der auch mit atomaren Waffen geführt wird. Diese Eskalationsspirale muss sofort beendet werden." Käßmann wandte sich auch gegen eine Diffamierung der Friedensbewegung und sprach sich dafür aus, dass russische Kriegsdienstverweigerer Asyl in Deutschland erhalten.
Die FDP-Verteidigungsexpertin Strack-Zimmermann warnte davor, bei den Demonstrationen Positionen Russlands zu vertreten. "Es ist lauter für den Frieden auf die Straße zu gehen", sagte sie der Zeitung: "Die Demonstranten sollten nur nicht den Adressaten ihres Protests verwechseln." Wer sich gegen das Opfer artikuliere, mache sich zum "Helfershelfer des Unrechts".
Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus entgegnete, der Ruf nach Verhandlungen dürfe zu keinem Zeitpunkt als naiv abgetan werden. Menschen, die zu Ostern für den Frieden auf die Straße gingen, wollten keinen Krieg gewinnen, sondern den Frieden. "Ohne Gespräche, ohne Verhandlungen kann kein Friede werden", sagte sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Samstag).
Die Organisatoren des regionalen Ostermarschs Rhein-Ruhr hatten für Sonntag zur Fahrradetappe aufgerufen. Rund 100 Menschen seien aufs Rad gestiegen und hätten sich der Tour von Essen über Gelsenkirchen, Wattenscheid und Herne bis nach Bochum angeschlossen, sagte Organisator Joachim Schramm dem Evangelischen Pressedienst (epd). Mit den Menschen vor Ort, die zu den Kundgebungen an den Haltepunkten gekommen seien, hätten sich insgesamt ungefähr 300 Demonstrierende an dem Ostermarsch beteiligt.
In Berlin demonstrierten nach Polizeiangaben mehr als Tausend Menschen auf zwei Ostermärschen für Frieden. Zum traditionellen Ostermarsch versammelten sich nach Polizeiangaben gut 1.500 Menschen. In dem Aufruf zum traditionellen Ostermarsch warnten die Veranstalter vor einer Eskalation des russischen Angriffskriegs. Deutschland mache sich durch Waffenlieferungen, "permanente Kriegsrhetorik und durch Schüren von Feindbildern" mitschuldig.
In Bremen zogen laut Polizei etwa 1.000 Menschen vom "Friedenstunnel" zum Marktplatz und folgten damit einem Aufruf des Bremer Friedensforums. Die Veranstalter sprachen von rund 2.000 Teilnehmenden. Bei der Abschlusskundgebung verurteilte der katholische Theologe Eugen Drewermann aus Paderborn den Militarismus in jeder Form. "Wir werden die Angst nicht überwinden, wenn wir anderen Angst machen", sagte er. "Man kann auf das Böse nicht mit den gleichen Mitteln reagieren."
In der Leipziger Innenstadt nahmen an dem dortigen Ostermarsch unter dem Motto "We are the people! We are peace!" (Deutsch: Wir sind die Menschen! Wir sind Frieden!) nach Angaben des Anti-Kriegs-Forums Leipzig 300 Menschen teil.
Mit einer Auftaktkundgebung in Duisburg begann auch der dreitägige Ostermarsch Rhein-Ruhr, der bis Ostermontag durch zahlreiche Städte der Region zieht. Er zählt zu den bundesweit größten und wichtigsten Aktivitäten der Friedensbewegung zu Ostern, die traditionell am Karsamstag ihren Schwerpunkt haben.
Bundesweit gab es Kundgebungen an mehr als 100 Orten. "Die Ostermärsche bleiben auch in diesen kriegerischen Zeiten das Rückgrat einer lebendigen Friedensbewegung im Lande", sagte Willi van Ooyen von der Infostelle Ostermarsch in Frankfurt am Main.
Die Ostermärsche der deutschen Friedensbewegung haben eine mehr als 60-jährige Tradition. Inspiriert wurden die ersten Aktionen von britischen Friedensaktivisten, die an Ostern 1958 einen dreitägigen Protestmarsch zum Atomwaffen-Forschungszentrum Aldermaston organisierten. An den Ostertagen im April 1960 demonstrierten dann am Truppenübungsplatz im niedersächsischen Bergen-Hohne bei Celle mehr als tausend Pazifisten gegen Atomwaffen - der erste Ostermarsch für Frieden und Abrüstung in Deutschland.
Die Bewegung wuchs rasch: 1961 waren es bundesweit vier und 1964 bereits 20 Ostermärsche. Nach einer längeren Pause in den 1970er Jahren erhielt die Ostermarschbewegung zu Beginn der 1980er Jahre mit den Protesten gegen die Stationierung atomarer Mittelstreckenwaffen neuen Auftrieb. Damals kamen Hunderttausende zu den Kundgebungen. Danach wurden die Ostermärsche zwar kleiner, sie erlebten aber während der Kriege etwa im ehemaligen Jugoslawien und am Persischen Golf zwischenzeitlich stärkeren Zulauf und sind bis heute identitätsstiftend für die Friedensbewegung.
Thematischer Ausgangspunkt der ersten Ostermarschierer war die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt. Hauptthemen sind weiterhin Kriege und Konflikte sowie Waffenexporte, Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Risiken der Atomkraft.