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Einsamkeit ist keine Seltenheit
Werner Köhler (Name geändert) hat sich schick gemacht: Unter seinem Blazer trägt er ein weinrotes Hemd mit Pullunder, der Knoten der grau-rot gestreiften Krawatte sitzt perfekt, ebenso das Einstecktuch. Er bestellt Kaffee und Quarkbällchen, lächelt und beginnt zu erzählen. Von seinem Leben - und seiner Einsamkeit. Zwischendurch hält er inne. "Ich hoffe, ich rede nicht zu schnell", sagt er. "Wenn man sonst niemanden zum Reden hat, will man viel unterbekommen."
Köhler ist einsam, schon lange. Der Hannoveraner ist seit zwölf Jahren Frührentner, nicht verheiratet, kinderlos. Zu seinen Eltern hatte er ein inniges Verhältnis, auch zu Tante und Onkel, zu seiner ganzen Familie. Aber von ihnen lebt niemand mehr. Es gibt einen alten Schulfreund: "Den treffe ich manchmal."
So wie dem 73-Jährigen geht es vielen Menschen. Einer wiederkehrenden repräsentativen Befragung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge waren in Deutschland 2017 rund 14 Prozent der Menschen zumindest gelegentlich einsam, 2021 sagten das 42,3 Prozent über sich. Pandemie und Lockdowns verstärkten das Problem.
Gesundheitlich gravierende Folgen
Einsamkeitsgefühle würden vor allem junge Erwachsene sowie Senioren kennen, erklärt das "Kompetenznetz Einsamkeit", das vor rund einem Jahr gegründet wurde und vom Bundesfamilienministerium im Rahmen einer "Strategie gegen Einsamkeit" gefördert wird. Besonders gefährdet seien Menschen in Übergangssituationen, wie dem Einstieg in Ausbildung oder Rente. Ferner litten Singles, Alleinerziehende, Migranten sowie arme, kranke und sehr alte Menschen häufiger unter Einsamkeit als andere.
Die Folgen sind gravierend. Chronische Einsamkeit erhöht dem WDR-Wissenschaftsmagazin Quarks zufolge unter anderem die Wahrscheinlichkeit für Depressionen, Angsterkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs, Demenz. "Soziale Isolation wirkt sich negativer auf die Gesundheit aus als Rauchen, Alkohol und Fettleibigkeit", schreibt sogar Yvonne Wilke, Expertin für Alter und Einsamkeit beim Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main, in einer Analyse für das "Kompetenznetz Einsamkeit".
"Verlernt, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren"
Corona und digitale Kommunikation haben nach Einschätzung von Theologin Helene Eißen-Daub die Einsamkeit in der Gesellschaft verstärkt. "Die Menschen haben verlernt, von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren, soziale Phobien nehmen zu", sagt die Pastorin, die in Hannover für den kirchlichen Besuchsdienst zuständig ist. Einsamkeit sei ein Tabuthema und werde oft nur zufällig entdeckt, etwa wenn Kirchenmitarbeiter:innen zu einem Geburtstag gratulierten. "Kaum einer gibt zu, dass er einsam ist, vor allem die ältere Generation hat verinnerlicht, sich selbst und ihre Bedürfnisse nicht so wichtig zu nehmen."
Werner Köhler möchte über seine Einsamkeit reden, sie verstehen. Die digitalen Medien sind auch für ihn Teil einer Erklärung. Er wohne seit Kindertagen im gleichen Haus, aber die Menschen kenne er nicht mehr, sagt er: "Die schauen alle nur auf ihr Handy." Früher habe man viel mehr miteinander gesprochen, da sei immer mal jemand vorbeigekommen. Ein Schnack auf der Straße, im Treppenhaus, das alles gebe es nicht mehr. "Die Menschen sind in Eile und gleichgültig."
Auch Studierende ziehen sich mehr zurück
Menschen kennenlernen, Freundschaften schließen - das geschieht oft im beruflichen Umfeld. Köhler hat als Großhandelskaufmann und Betriebswirt gearbeitet. Warm geworden ist er mit seinem Beruf nie. "Ich bin nicht der Typ, der die Ellbogen ausfährt oder sich anbiedert." Etwas Handwerkliches wäre vielleicht eher was für ihn gewesen. "Das habe ich aber zu spät gemerkt."
Psychologie-Professorin Maike Luhmann von der Ruhr-Universität Bochum definiert Einsamkeit als "eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen gewünschten und tatsächlichen sozialen Beziehungen". Dass unter diesem Gefühl auch junge Menschen leiden, bestätigt Reinhard Mack, Leiter der psychotherapeutischen Beratungsstellen des Deutschen Studierendenwerkes. "Unser Eindruck ist, dass Studierende weniger aufeinander bezogen sind, sich mehr zurückziehen", sagt er.
Mack verweist außerdem auf Erfahrungen aus den Wohnheimen: Der Wunsch nach Einzelappartements nehme zu - die Bereitschaft, sich in Wohngemeinschaften zu engagieren, dagegen ab. Den digitalen Wandel sieht auch Mack in diesem Zusammenhang kritisch. Der Vergleich mit anderen durch Social Media, "die vermeintlich toller leben, besser im Studium und überall beliebt sind", verstärke das Problem. "Viele meinen, nicht mithalten zu können und wählen den Rückzug."
Einsamkeit ist nicht allein ein deutsches Problem. Japan hat vor zwei Jahren einen Minister für Einsamkeit und soziale Isolation ernannt, in Großbritannien existiert seit 2018 eine nationale Strategie gegen Einsamkeit, auch die WHO will sich dem Thema "Social Connection" widmen.
Eine charmante Idee stammt aus den Niederlanden: Eine Supermarktkette hat in ihren Filialen "Chat-Kassen" für einsame Menschen eingerichtet. An den Plauderkassen, die es inzwischen auch als Pilotprojekt im bayrischen Schweinfurt gibt, darf an der Kasse geklönt werden. So wie früher im Tante-Emma-Laden - Werner Köhler wäre hier sicher gerne Stammkunde.
Info: Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, oder jemanden kennen, der suizidgefährdet ist, suchen Sie Hilfe. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/1110111, 0800/1110222 und 116 123. Auch ein Kontakt per Chat unter online.telefonseelsorge.de und E-Mail ist möglich: www.telefonseelsorge.de
Hintergrund: Hilfs- und Beratungsangebote bei Einsamkeit
Wer sich einsam fühlt und Hilfe sucht, kann aus verschiedenen Angeboten wählen. Im Folgenden eine Auswahl des "Kompetenznetzwerks Einsamkeit" der Bundesregierung:
* KRISENCHAT.DE: krisenchat.de bietet kostenfreie Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren via Chat an. Sie können sich ohne Anmeldung und Registrierung rund um die Uhr über WhatsApp und SMS an ehrenamtlich tätige, psychosoziale Fachkräften wenden. krisenchat.de berät auch auf Ukrainisch und Russisch. www.krisenchat.de
* NUMMER GEGEN KUMMER: Die Nummer gegen Kummer berät kostenlos und anonym sowohl Kinder und Jugendliche als auch Eltern. Das Telefon für Kinder und Jugendliche ist unter 116111 von Montag bis Sonnabend zwischen 14 und 20 Uhr erreichbar, das Telefon für Eltern unter 0800/1110 550 montags, mittwochs, freitags von 9 bis 17 Uhr sowie dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr. www.nummergegenkummer.de
* SILBERNETZ: Silbernetz bietet Menschen ab 60 Jahren anonym und kostenlos täglich von 8 bis 22 Uhr unter 0800/4708090 ein offenes Ohr. Für einen tiefergehenden telefonischen Kontakt gibt es "Silbernetz-Freundschaften": Interessierte Senior:innen werden mit Ehrenamtlichen vernetzt, die dann einmal pro Woche für ein persönliches Telefongespräch anrufen. www.silbernetz.de
* REDEZEIT FÜR DICH: Redezeit für Dich ist eine Plattform mit mehr als 350 ausgebildeten ehrenamtlichen Coaches, Therapeuten und Psychologen, die Menschen wertfrei und kostenlos zuhören. Sie unterstützen bei Belastungen wie Unsicherheiten, Selbstzweifeln, Einsamkeit, Wut, Hilflosigkeit, Frust, Unruhe und Überforderung. Die Zuhörenden verstehen und sprechen Deutsch sowie diverse Fremdsprachen. www.virtualsupporttalks.de
* U25: U25 ist ein kostenfreies Online-Hilfsangebot für Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren in suizidalen Lebenskrisen. Die Beratung erfolgt ausschließlich anonym per Mail im Caritas-Beratungssystem durch ehrenamtliche Gleichaltrige ("Peerberater"). Unterstützt werden die Ehrenamtlichen durch pädagogische Fachkräfte. www.u25-deutschland.de
* JUGENDNOTMAIL.DE: Auf jugendnotmail.de können Kinder und Jugendliche von ihren Sorgen berichten - vertraulich, kostenlos und datensicher. Rund 230 ehrenamtliche Psychologen und Sozialpädagogen mit Zusatzausbildung beantworten die Notrufe der jungen Menschen per Mail und Chat. www.jugendnotmail.de
* PSYCHOLOGISCHE BERATUNG DER STUDIERENDENWERKE: Die Psychologische Beratung der Studierendenwerke hilft Studierenden, die sich einsam fühlen oder anderweitige Probleme haben, auf lokaler Ebene. Der Dachverband der Studierendenwerke bietet unter www.studentenwerke.de/de/ansprechpersonen-psb eine Suchfunktion für Beratungsangebote in 46 Städten. www.studentenwerke.de/de/content/psychologische-beratung
* TELEFONSEELSORGE: Die Telefonseelsorge Deutschland ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Sie bietet allen Menschen in jeder Lebenssituation bei Problemen und Krisen Hilfe an. Die Telefonnummern sind 0800/1110111, 0800/1110222 und 116 123. Auch ein Kontakt per Chat unter online.telefonseelsorge.de und E-Mail ist möglich: www.telefonseelsorge.de