"Evangelische Kirche muss Schuld eingestehen"

Mann geht mit kleinem Mädchen an der Hand in einer Kirche auf ein Kreuz zu

© Getty Images/iStockphoto/Cecilie_Arcurs

Sexuelle Gewalt durch Mitarbeitende der Kirche bleibt ein Tabu. (Symbolbild)

Kirche und Missbrauch
"Evangelische Kirche muss Schuld eingestehen"
Die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Missbrauch in Diakonie und evangelischer Kirche nimmt Landesbischof Christian Kopp zufolge mit der ForuM-Studie erst ihren Anfang. Der ehemalige Kirchenmusikdirektor aus Hamburg, Matthias Hoffmann-Borggrefe, hat Missbrauch erlebt. Er wünscht sich bei der Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche mehr Beistand für die Betroffenen. "Es ist an der Zeit, dass die Kirche ihre Schuld eingesteht und die zerstörten Lebensentwürfe der Opfer öffentlich macht, etwa in einem Gedenkgottesdienst", sagte der 60-Jährige.

Hoffmann-Borggrefe erlebte in seiner Kirchenmusikausbildung sexuelle Gewalt. Am 25. Januar werden Ergebnisse der ersten übergreifenden Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche (ForuM) erwartet.

Der Rücktritt der ehemaligen EKD-Ratsvorsitzenden, Annette Kurschus, habe ihn sehr berührt. "Ihre Begründung war leider so typisch. Statt einen Fehler einzugestehen, wollte sie durch ihren Rückzug lediglich 'Schaden von der Kirche' abwenden", sagte Hoffmann-Borggrefe, der 20 Jahre lang Kantor und Organist an der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai war. Es mache ihn traurig, dass die Kirche zwar viele Missstände in der ganzen Welt anprangere, den Zeigefinger aber nicht auch mal auf sich selbst richte.

Hoffmann-Borggrefe war 1984 in seiner Ausbildung zum Kirchenmusiker an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf von seinem damaligen Professor vergewaltigt worden. Die Evangelische Kirche im Rheinland hatte den Fall 2011 anerkannt. Bis heute leide er an den Folgen, seit zwölf Jahren mache er eine Traumatherapie, sagte Hoffmann-Borggrefe. "Aufgrund meiner psychischen Erkrankung bin ich mittlerweile schwerbehindert und kann nicht mehr arbeiten. Mein Leben ist zerstört."

"Mit finanziellen Anerkennungsleistungen an die Betroffenen ist es nicht getan", findet Missbrauchsopfer Hoffmann-Borggrefe.

Statt Transparenz zu schaffen, wolle Kirche immer noch den Schein wahren und die Missbrauchsfälle herunterspielen. Sexuelle Gewalt durch Mitarbeiter der Kirche bleibe ein Tabu, über das nicht öffentlich gesprochen werde. "Kirche muss aber ihren eigenen Riss öffentlich deutlich machen. Mit finanziellen Anerkennungsleistungen an die Betroffenen ist es nicht getan", findet Hoffmann-Borggrefe.

Landesbischof Kopp: ForuM-Studie ist nur der Beginn

Die Ergebnisse der unabhängigen wissenschaftlichen Studie, die diesen Donnerstag (25. Januar) vorgestellt werden sollen, seien Grundlage für das weitere Vorgehen, sagte Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Christian Kopp am Dienstag laut Mitteilung der Landeskirche. "Sie werden uns helfen, zu erkennen, wo wir bisher noch blinde Flecken hatten."

Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beauftragte ForuM-Studie hat das Ziel, eine Analyse evangelischer Strukturen und systemischer Bedingungen vorzulegen, die Gewalt und Machtmissbrauch in der Kirche und Diakonie begünstigen. Damit soll "eine empirische Basis für weitere Aufarbeitungsschritte" in den 20 Landeskirchen und den diakonischen Werken gelegt werden. Die Ergebnisse der Studie würden nach der Vorstellung am Donnerstag intensiv diskutiert, hieß es weiter.

Schnelle Antworten oder Einschätzungen seitens der Landeskirche sind nach der Präsentation durch die Forscher am Donnerstag wohl nicht zu erwarten. "Aufgrund der zu erwartenden Komplexität der Ergebnisse wird es nach der Veröffentlichung notwendig sein, sie in einem längeren Prozess auszuwerten", teilte die Kirche mit: "Die zentrale Rolle in dem ganzen Prozess spielt das Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt der EKD." Dort würden Konsequenzen und Empfehlungen erarbeitet.

Die ForuM-Studie ist ein unabhängiges Forschungsprojekt. Es umfasst ein Metaprojekt sowie mehrere Teilprojekte. Beteiligte Institutionen sind die Hochschule Hannover, die Universität Münster, die Bergische Universität Wuppertal, die Freie Universität Berlin, das Institut für Praxisforschung und Projektberatung München, das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sowie die Universität Heidelberg. 
 

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